Ich saß zu Hause in der Küche und hatte mir gerade einen Wein eingegossen, als mein Telefon klingelte. Marcs war in der Leitung und frage: „Was treibst du heute? Was geht bei dir?“ Er schien auch planlos für diesen Abend zu sein und wir plauschten eine Runde. Wir hatten uns schon eine Weile nicht gehört, denn nach meiner Trennung von Jane war ich sehr mit mir selbst beschäftigt und ich brauchte Ruhe, denn alles war zu sehr ausgeartet. Die vergangenen Tage hatten mir einfach die Nerven geraubt, mir war alles über den Kopf gewachsen und ich wusste selbst nicht mehr was ich wollte. Ein ewiges Auf und Ab, und auch Marcs hatte das mitbekommen. Und wie es sich für einen guten Freund gehört, hatte er zwar immer ein offenes Ohr, wenn ich Probleme hatte oder ich mir ein paar Sachen von der Seele reden wollte, doch er bohrte nie oder ging mir mit irgendwelchen Ablenkungsversuchen auf die Eier, sondern zeigte sich als wahrer Freund. Wir quatschten also über die letzten Tage als er auf einmal sagte: "Warte mal kurz. Ich muss mal schnell, die gerade angekommene, SMS lesen." Back in Business fragte er gleich drauf los: „Lust und Laune auf eine Geburtstagsparty? Rick sagt, ich soll unbedingt kommen.“ Es war früh am Abend und eigentlich sind Ricks Partys immer eine Messe für sich, denn Rick wohnte in einer Villa am Stadtrand und sein Partykeller mit Bar und DJ Pult versprach immer sehr gute Unterhaltung. Obwohl ich Lust verspürte zu sagen: „Auf geht’s, auf was warten wir noch?“, hielt mich der Gedanke, dass ich Jane da über den Weg laufen würde zurück. Doch kaum hatte ich zu Ende gedacht, fragte Marcs, ob ich nicht Lust hätte mitzukommen. Er erklärte, alleine hätte er keinen Bock und mir würde die Party bestimmt auch gut tun. Mein Einspruch ließ natürlich nicht lange auf sich warten und ich offenbarte Marcs meine Bedenken wegen Jane. „Wenn ich da aufschlage und Jane da wäre, wüsste ich genau, dass für sie der Abend gelaufen ist.“ Ich kannte sie durch unsere lange Beziehung gut genug und wusste, dass sie sich, den Tränen nahe, in irgendeine Ecke verkriechen würde. Ich wollte ihr den Abend nicht versauen und der frischen Trennung kein Angriffsziel bieten. Mir machte die ganze Sache weniger aus, weil ich es ja war der den Schlussstrich gezogen hatte. Es ging Hin und Her und Marcs bekniete mich halb. Er sagte, dass ich mir nicht so viele Gedanken wegen ihr machen sollte und sie bestimmt nicht da sein werde, da sie ja 1&1 zusammenzählen könnte, dass ich womöglich da aufschlage. Nach einigem Hin und Her, ließ ich mich dann doch breitschlagen. Ich sagte, dass ich noch schnell unter die Dusche springe und in 30 Minuten bei ihm sei. Ohne weitere Gedanken an den Verlauf des Abends zu verschwenden, legte ich auf und sprang unter die Dusche. Ich klingelte wie immer 3mal, an dem schon seit Ewigkeiten verbrannten Klingelknopf und kurze Zeit später rollte Marcs an und wir machten uns auf zu Rick. Im Auto schloss ich meinen Mp3-Player ans Radio und schickte ein paar kleine Burner durch die Boxen. Stimmung kam auf. Wir hielten unterwegs noch schnell an der Tanke, um ein kleines Geschenk zu kaufen und 20 Minuten später standen wir bei Rick auf der Matte. Rick freute sich das ich mitgekommen war. Auch wir hatten uns eine Weile nicht gesehen. Die Party rockte, unheimlich viel Leute waren da und alle waren bestens gelaunt. Bei kurzen Smalltalks und beiläufigem „Hallo sagen“ arbeitete ich mich langsam aber sicher zur Bar vor, wo ich dann auch gleich einen Whisky von Rick in die Hand gedrückt bekam. Ich trank auf Ex und bestellte gleich einen Neuen. Während ich wartete schaute ich durch den Raum und sah Andrè hinter den Decks. Er hob die Hand und schrie freudestrahlend: "OLLI". Auch ich hob die Hand und signalisierte ihm mit einem Lächeln und dem Daumen nach oben: „Top Musik mein Bester“  Ich wippte mit dem Kopf und als ich mich zu einer neuen Runde Whisky einklinken wollte, sah ich Jane in einer Ecke stehen, die sich gerade wieder wegdrehte hatte, um sich weiter mit einer Freundin zu unterhalten. Ich spürte, dass auch sie meinen Namen gehört hatte. Ich überlegte, ob ich hingehen und einfach wie ich es bei allen andern getan hatte, “Hallo” sagen sollte, doch ich verwarf den Gedanken und sagte mir, dass sich auch später noch eine Gelegenheit bieten würde. Ich trank noch einen Whisky und versuchte die Party zu genießen, ohne mir weiter Gedanken über Jane zu machen. Die Stunden vergingen und alle wurden immer ausgelassener, denn jeder hatte schon einige Drinks intus und die Musik war erste Sahne. Andre hatte sich mal kurz frei gemacht, um mit mir einen kleinen White Russian an der Bar schlürfen, als mir mitten im Gespräch Tine auf die Schulter klopfte und im Vorbeigehen mit einem vorwurfsvollen Blick sagte: „Jane sitzt weinend in der Küche.“ Ich glaube, am liebsten hätte sie noch gesagt: "Toll gemacht!!!"  Da war sie, die flache Hand ins Gesicht und ich konnte Tine auch nicht mehr fragen was los sei, denn sie ging ohne ein weiteres Wort weiter. Perplex und fragend entschuldigte ich mich bei Andre. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: "K, Digger bis später", und ich machte mich mit tausend Gedanken im Kopf auf den Weg in die Küche. „Scheiße, ich hatte es gewusst, dass das hier kein gutes Ende nehmen würde und dieser Besuch bei Rick Folgen hätte. Verdammt, ich hätte mich Ohrfeigen können, doch jetzt war es zu spät mir Vorwürfe zu machen. Bringt nichts. Also Scheiß drauf und mache das Beste draus.“  versuchte ich mich zu motivieren. In der Küche angekommen lehnte ich mich in den Türrahmen und sah, dass Jane total verheult war. Sie tat mir Leid. Ein kleines Häufchen Elend, ausgespuckt und zurückgelassen, doch ich konnte im Moment nichts an meinen Gefühlen ändern. Ich hätte mir für diese Situation gewünscht, dass ein Schalter existiert der einfach umzulegen war, damit ich sie nicht mehr so sehen musste, doch den gab es nicht. Ich trat in die Küche und als Jane bemerkte, dass sie nicht mehr alleine war, wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie schaute auf und ich sah, dass es ihr peinlich war das ich sie so sah und wir uns unter diesen Umständen wieder unter die Augen traten. Keiner sagte etwas. Sie schaute die Küchentür an und ich starrte auf dem Tisch. Dieser Moment, voller Spannung und Peinlichkeit, kam mir unendlich lange vor. Beide warteten wir darauf, dass einer die große Blase zum Platzten brachte und das einer drauflos reden würde, um dieser ganzen misslichen Lage Herr zu werden.  In mir platzte zuerst die Blase. Ich zog mir einen Stuhl heran und wischte ihr die Tränen von den Wangen. Es passierte einfach. Alles ganz Instinktiv und es war glaube auch völlig egal was ich tat, Hauptsache ich tat was. Ich befreite sie quasi, wie ein Schmetterling der in einem Spinnennetz gefangen, erschöpft und nur noch leicht mit den Flügel schlagend, darauf wartet das einer kommt und ihn befreit. Jane ließ zu, dass ich ihr sanft die Tränen aus dem Gesicht strich. Ich wollte hier absolut keinen Streit oder das hier alles in einer Szene endete, auch wenn dann, durch den Zorn und den Hass, vielleicht alles viel einfacher werden würde. Ich hob mit beiden Händen, das Gesicht umschlossen, ihren Kopf und schaute ihr in die Augen. Ein leises und schluchzendes "Warum das alles?" ließ nicht lange auf sich warten und ich begann aufs Neue ihr nochmal alles zu erklären. Wir redeten einen ganze Weile, ohne dass einer dem Andern Vorwürfe machte. Wir sprachen wie Erwachsene und wie wir es eh und je immer getan hatten. Es gab zwischen uns nie große Meinungsverschiedenheiten oder das einer dem andern etwas vorhielt oder gar Verbote erteilte. Wir sahen uns eigentlich schon vor dem Altar und mit verbrauchten Gesichtern gemeinsam dem Alter entgegen streben, doch irgendwas hatte sich verändert. Ich vermisste unser Katz- und Mausspiel, unser herzliches Lachen und ich liebte es wenn sie zu mir Plins oder Schelm sagte. Ja ich war ein Schelm, vielleicht sogar ein Idiot. In unserem Gespräch warf es auch in mir so einige Fragen auf, die unbeantwortet blieben. Selbst ich ertappte mich bei der Frage "Warum?". Ich konnte mir auf einmal keinen Reim mehr machen. Alles war so vertraut. Ihre Haut, ihre Stimme, ihr Geruch, ihre Haar. Ihre ganze Art zog mich wieder in einen Bann, wie ich ihn lange nicht mehr gespürt hatte. Alles drehte sich und ich war nicht mehr Herr der Lage, weil mein Herz sprach und nicht mein verdrehter Verstand. Ich spürte, dass ich was tun musste. Auf dem Tisch standen Blumen, die Rick geschenkt bekommen hatte. Ich knipste mit den Fingernägeln eine Blüte ab und steckte sie Jane ins Haar. Das einzigste was ich noch sagen konnte war:"Eine Blüte für meine Göttin der Unendlichkeit." Ich stand auf und verschwand fluchtartig von der Party. Auf dem Weg nach Hause durchquerte ich den Park und an dem See, wo wir so oft unter freiem Himmel gelegen hatten und früher so mancher Träumerei freien Lauf ließen, hob ich einen Stein auf und warf diesen im hohen Bogen auf das ruhende Wasser.  Meine Göttin der Unendlichkeit (überarbeitet 2011) Copyright  2012 - Design & Idee @ www.Sousey.de - Alle Rechte vorbehalten -