Endlich war es mal wieder soweit. Lange hatte ich darauf gewartet mal wieder ins Theater zu gehen und mir eine Vorstellung mit Hintergrund und wundervoller Inszenierung anzuschauen. Ich schaute erschrocken auf die Uhr und hätte mir schon wieder in den Arsch beißen können, weil ich noch nicht mal duschen war und kein Outfit zu Recht gelegt hatte. Die Uhr schlug 20:10 Uhr und meine Begleitung Jessica klingelt schon unten an der Tür. Ich drücke auf den Türöffner und sagte: "Komm bitte nochmal schnell rauf." Als sie oben angekommen war, sagte ich mit einem Lächeln: "Sorry, ich muss noch schnell unter die Dusche."  Mit einem Gesichtsausdruck, der wohl “typisch Olli” bedeuten sollte, sagte sie: "Beeile dich aber, die Vorstellung geht um 21:30 Uhr los." Ich ging ins Bad und ich ärgerte mich über mich, dass ich schon wieder so getrödelt hatte. Mit einem Schmunzeln, dachte ich, Gott sei Dank bin ich keine Frau, denn eine halbe Stunde später war ich dann geduscht und angekleidet. Als ich ins Wohnzimmer trat, saß Jessica auf der Couch und zappte sich durch die Programme.  "So ich bin fertig." sagte ich mit einem weiteren Lächeln.”WOW” sagte Jessica und fügte noch scherzhaft hinzu: “Bei Chrissy hatte ich jetzt noch den Tatort zu Ende schauen können.” Ich lachte, nahm ihre Hand und wir verließen die Wohnung.  Die Fahrt mit dem Auto ging schnell und unkompliziert, denn die grüne Welle meinte es gut mit uns. Jessica und ich redeten die ganze Zeit über Bücher, Filme und den neuen Freund von Chrissy. Am Theater  angekommen, flüsterte die Stimme aus dem Navi: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“  Eine ganze Menge Menschen waren vorm Theater versammelt und ich bangte innerlich, dass es sich schwierig Gestalten würde jetzt noch einen Parkplatz zu finden. Doch auch hier hatten wir Glück. Das Foyer war gut gefüllt und der Einlass zur Vorstellung hatte bereits begonnen. Wir stellten uns an und 10 Minuten später nahmen wir Platz. Die unterschiedlichsten Leute waren gekommen und alle Gesellschafts- schichten vorhanden, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht zu sehen war. Jung und alt, der kleine Mann von nebenan bis hin zur High Society unterhielten sich angeregt an ihren Plätzen, bis sich das Licht verdunkelte und alles ruhig wurde. 2 Stunden später. Das Licht ging an, die Künstler betraten nochmal die Bühne und bedankten sich beim Publikum. Ein großartiger Applaus ging durch die Reihen. Ich sagte zu Jessica sanft: „Ein einzigartiges Stück“ und  Jessica nickte zustimmend. Nach dem Applaus stand ich auf und lief, sichtlich ergriffen von der Euphorie der Menge, einfach Jessica hinterher. Im Foyer war es laut, denn die Leute unterhielten sich lebhaft über das Stück. Ich war noch zu ergriffen und musste erst noch verarbeiten, was ich gesehen hatte. Ich konnte nicht reden, also begaben wir uns an die Bar und bestellte zwei Drinks. Nicht unweit von der Bar hörte ich, wie eine Dame neben mir irgendeine schändliche und unmissverständliche Bemerkung über mich machte. Ich drehte mich um und sah, dass sie sich mit zwei anderen Damen über mich und andere, die nicht ihrem Stil und Gesellschaftsniveau entsprachen, unterhielten. Sie machten sich lustig und ich war erbost darüber. Auch Jessica hatte alles mitbekommen. Ungehalten und ohne Scham trugen sie ihre Urteile unter die anwesenden Gäste, bis ich mich nicht mehr zurückhalten konnte. Ich trank aus und fand, dass es Zeit war ein kleines Schauspiel aufzuführen. Ich stellte mein Glas ab und ging schnurstracks auf die Herde der Besserdenkenden zu. Es gab kein Halten mehr, denn ich war auf Hundertachtzig. Mir ging diese Art der Niedertracht eindeutig zu weit und das war mir auch anzusehen. Gerade im Gespräch, tippte ich der Dame auf die Schulter und sagte:  "Entschuldigen Sie, ich weiß ja nicht in welchen Sphären Sie sich bewegen, aber was gib Ihnen das Recht hier über die Leute zu urteilen und sich hier so dermaßen aufzuführen? Denken Sie, weil Sie ein Gucci-Kleid, Prada-Schuhe und ein Versace-Kettchen tragen sind Sie ein besser Mensch? Sie lassen sich hier aus, was andere am Leib tragen und wie diese sich hier in der Öffentlichkeit zeigen. Sie stellen sich hier hin, als wären Sie der einzige Mensch dem es vergönnt ist ins Theater zu gehen. Ich weiß ja nicht, ob Theater für Sie nur ein sinnloser Zeitvertreib ist, aber anscheinend haben Sie von der großen Kunst hier in diesen vier Wänden rein gar nichts verstanden. Es ist diffamierend, andere Leute nur nach ihrem Äußeren und ihrem Integrationslevel in der Gesellschaft, zu beurteilen. Die Gesellschaft das sind Sie, genauso wie ich und darum habe ich und die Anderen, die Sie hier von oben herab belächeln, genauso ein Recht auf Unterhaltung und Kultur wie Sie. Es sollte nicht der finanzielle Status ausschlaggebend sein und schon gar nicht das Äußere. Was das Benehmen betrifft könnte man darüber streiten, aber wer so urteilt wie Sie, beziehungsweise so abfällig und niederträchtig daherkommt, hat die Kunst des kleinen Mannes nicht verdient. Wenn Sie ein wenig Beobachtungs- und Auffassungsgabe besitzen, was ich voraussetze wenn man ins Theater geht, sollte Ihnen wohl klar sein, dass ohne das Proletariat auch kein Theater hier stehen würde. Mal ganz zu schweigen, vom größten Teil der Menschen die es aufführen bzw. die hier für uns spielen. Oder denken Sie nur daran, dass vereinzelte Schriftsteller wie die letzten Hunde gelebt haben und manch Bühnenstück, welches ihnen jetzt hier Vergnügen bereitet, in größter Not geschrieben wurde. In aller Achtung vor der Menschlichkeit. Einen schönen Abend noch die Damen." Die Damen schauten perplex und ich drehte mich mit einem wohltuenden Lächeln um, nahm Jessica in den Arm und verließ mit ihr das Foyer.   Theater im Theater (2008) Copyright  2012 - Design & Idee @ www.Sousey.de - Alle Rechte vorbehalten -