Die kleine Ellie saß auf dem Fensterbrett und schaute durch das Fenster in den Garten. Tränen liefen ihr die Wangen herunter und an den feuchten Flecken auf ihrem Kleidchen konnte jeder sehen, dass sie schon länger sehr verzweifelt war. Sie nahm ihr Lieblingsstofftier, einen kleinen Hund den sie Charlie getauft hatte, und legte ihren Kopf ganz nah an den seinen. Ellie war alleine, denn ihre Mutter hatte wieder einmal wichtigeres zu tun, als sich um Ellie zu kümmern. Seit ungefähr 6 Monaten hatte Ellie`s Mom einen neuen Freund. Er hieß Henne und Ellie mochte ihn vom ersten Moment an nicht. Unsympathisch und ein grauenvoller Mensch, denn er war herrschsüchtig, machtversessen und befehlend. Wenn er was sagte, hatte er seiner Ansicht nach immer Recht. Es gab kein aber. Erklärungen waren unnötig und wurden nicht akzeptiert. Falls man ihm widersprach oder nur ein wenig seine Autorität untergrub, setzte es schon mal eine und er war immer sofort außer sich. Oft, wenn eine solche Situation eintrat, auch wenn Ellie nur mal kundtun wollte, das sie gern mal das und das machen würde, wurde sie mit lauten Worten in ihr Zimmer verwiesen. Ihre Mutter drehte sich etliche Male einfach nur weg und tat so als wenn sie dies alles nicht mitbekommen bzw. nichts angehen würde. Ellie kannte diese Situation dutzendfach und verschwand dann immer ganz schnell in ihrem Zimmer, denn blaue Flecke hatte sie schon genug. In der Schule schauten ihre Mitschüler immer etwas fragend und erschrocken, doch keiner traute sich jemals zu fragen, woher sie schon wieder diese Hämatome hatte. Und wenn mal einer fragte, antwortete sie immer mit dem gleichen Satz, sie sei beim Spielen hingefallen. Eine beste Freundin oder einen besten Freund hatte sie nicht und wenn dann dürfte sie diesen Freund nie treffen, geschweige denn mit nach Hause bringen, denn Henne hatte Angst, dass irgendjemand Fragen stellt. Früher gab es mal eine richtige Familie, in der viel gelacht und jede freie Minute zusammen verbracht wurde, doch irgendwann hatten sich ihre Mom und ihr Dad aus den Augen verloren. Der Alltag brach dem Glück das Genick, Vorstellungen verschoben sich und die verhärteten Fronten ließen sich nicht mehr einfach so klären. Beide sahen keinen anderen Ausweg als sich zu trennen. Ihre Mutter hatte viel geweint und steckte zu dieser Zeit in einer wirklich schweren Krise. Sie verlor ihren Job und alles wuchs ihr über den Kopf. In dieser Zeit kam Ellie und ihrer Mom völlig der Bezug zueinander abhanden. Ihre Mutter war nur noch unterwegs, wollte den Schmerz vergessen, eine neue Beziehung finden und alles hinter sich lassen. Sie hatte angefangen, mit einem Andern ihr Verlangen zu killen und ihre Sehnsucht zu stillen. Dieser Mann war Henne. Er war das ganze Gegenteil von ihrem Vater und Ellie konnte einfach nicht verstehen, wo plötzlich all die schönen Momente hin waren. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen und nur weil man hier und da ein, zwei Gemeinsamkeiten hat, sollte alles funktionieren? Ellie verstand es einfach nicht und mit ihrer Mutter zu sprechen und mit ihr zu lachen war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich. Ihre Mutter hatte nur noch Augen für Henne und Henne hatte sie durch seine ganze Art und Weise völlig in der Hand. Und da er dies wusste, kam der Tag an dem alles noch viel schlimmer werden sollte. Es gab mal wieder eine Auseinandersetzung und Ellie verschwand, wie schon so oft, in ihrem Zimmer. Im Bett und mit verheulten Augen an ihren Stoffhund Charlie gekuschelt, dachte sie an den morgigen Tag. Sie hatte nämlich Geburtstag und sich einen Tag im Schwimmbad gewünscht. Sie träumte davon im Wasser zu spielen und mal wieder lachen zu können, als sie bemerkte das sich ihre Zimmertür öffnete. Henne stand im Türrahmen und legte sich, mit strenger Miene, den Zeigefinger auf die Lippen, um ihr damit zu signalisieren, dass sie ja leise sein soll. Er trat langsam an sie heran und mit jedem Schritt mit dem sich Henne näherte, drückte sich Ellie näher an ihren Stoffhund. Sie war verängstigt und auch wenn sie gewollt hätte, sie konnte nicht schreien oder irgendeinen Laut von sich geben. Henne legte sich zu ihr ins Bett. Er nahm ihre Hand, die sich fest an den Stoffhund Charlie gekrallt hatte, führte diese an seine Hose und dann sagte er leise und bestimmend:  "Das ist dein Geburtstagsgeschenk"  Diese Nacht sollte Ellie ihr Leben lang nicht vergessen. Der Tag brach an und Ellie hatte die ganze Nacht kein Auge zu gemacht. Verschwitzt, eingeschüchtert, fröstelnd und mit ihren Gedanken total abwesend, krabbelte sie aus ihrem Bett. Sie zog ihr schönstes Kleid an und verdrängte alle die furchtbaren Gedanken an die letzte Nacht. Sie hatte Geburtstag. Als sie aus ihrem Zimmer trat saßen Henne und ihre Mutter schon am Frühstückstisch. Henne strahlte sie an und sagte: "Na Sonnenschein. Ausgeschlafen? Alles gute zum Geburtstag. Wir hoffen, du bist bereit fürs Schwimmbad?" Ellie antwortet nichts, aber sie schaute ihre Mutter an, die mit verträumten Augen Henne ansah und total überwältigt wirkte, weil er so lieb mit ihrer Tochter redete. Ellie wollte aufschreien, doch ihr Atem stockte. Also setzte sie sich an ihren Platz, wo eine Schüssel mit ihren Lieblingscornflakes stand und fing teilnahmslos an ihr Frühstück zu löffeln. Sie aß langsam, denn die Cornflakes hatten den Geschmack der Leere. Während sie aß, packte ihre Mutter die Tasche fürs Schwimmbad und Henne pfiff falsch, aber zur Freude ihrer Mutter, Happy Birthday to You. Das Schwimmbad war nicht weit entfernt, also wurde entschieden zu Fuß zu gehen. Vor der Haustür legte Henne seine Hand auf Ellie`s Rücken und fragte: “Na freust du dich?” Sie erstarrte und empfand Ekel, doch sie konnte nichts sagen. Alles blockierte und der Kloß im Hals nahm überdimensionale Ausmaße an. Henne fragte abermals mit einem unglaublich blöden Grinsen:"Na alles gut?" Im Schwimmbad angekommen, zog Ellie ihr Kleidchen aus und rannte so schnell sie konnte ins Wasser. Sie wollte untertauchen, alles abwaschen und wegspülen, doch als sie bis zum Hals im Wasser stand, schaute sie sich um, sah nach ihrer Mutter, hob die Hand und winkte ihr zu. Ihre Mutter lachte sie an wie schon lange nicht mehr und Ellie spürte eine seit langem vermisste Freude in ihrem Herzen. Beim Planschen vergaß sie die Zeit, denn ihre Mutter rief nicht nach ihr wie sie es früher immer gemacht hatte, wenn sie zu lange im Wasser gewesen war, also blieb sie. Kinder kreischten, spielten und riefen nach ihren Müttern, um zu zeigen wie wohl sie sich im Wasser fühlten. Auch Ellie wollte ihrer Mutter zeigen wieviel Spaß sie hier hatte, doch als sie sich umdrehte um nach ihr zu rufen, sah sie, dass die Handtücher waren verlassen. Sie suchte mit den Augen die Liegewiese ab, doch ihre Mutter war nirgendwo zu sehen und Ellie war nur von fremden Gesichtern umgeben. Die kleine Ellie verlor keine Zeit, stürmte aus dem Wasser und machte sich auf die Suche. Doch alle Gesichter, denen sie begegnete, waren ihr fremd. Ihr Herz wurde schwer und ihr rannen Tränen über die Wangen. Mehrmals hatte sie eine Runde gedreht und in keinem Winkel, keiner Ecke und hinter keinem Baum fand sie ihre Mutter. Verloren, weinend und allein stand sie am Beckenrand. Links und rechts liefen die Menschen an ihr vorbei, sprangen ins Wasser und lachten. Ellie schluchzte und schrie aus voller Kehle nach ihrer Mutter, doch niemand kam und keiner wollte sich ihr annehmen. Man hörte nur die Leute schimpfen: "Kann nicht mal einer das Geschrei abstellen?" - "Wem gehört dieser kleine Schreihals?" - “Wir wollen unsere Ruhe. Ellie war so verzweifelt und fühlte sich so verdammt alleine, dass sie immer lauter schrie. Minutenlang weinte und schrie sie aus tiefster Seele, bis plötzlich ein Junge an sie herantrat und sie genervt anschrie: "Jetzt halt doch endlich mal die Klappe!"  Er gab ihr einen Schubs und Ellie fiel ins Wasser. Am nächsten Tag lautete eine beiläufige kleine Überschrift im Lokalteil der Zeitung: “Mädchen im Schwimmbad ertrunken.”  Schrei nach Liebe (2009) (dieser Text entstand nach einem Gespräch bei dem das Thema Kindesmisshandlung zu Sprache kam) Copyright  2012 - Design & Idee @ www.Sousey.de - Alle Rechte vorbehalten -