Stan schaute gebannt auf den Bildschirm. Eine goldene Waage, die hin und her pendelte war zu sehen. Normalerweise nichts besonderes, außer vielleicht das diese hier golden war. Stan stand in Unterhosen und einer unangezündeten Zigarette in seiner Wohnstube und starrte auf die Mattscheibe. Draußen schien die Sonne, im Nachbarzimmer tönte Musik aus dem Radio, das Teewasser, welches er sich vor einigen Minuten angesetzt hatte, war längst fertig und brodelte vor sich hin. Selbst die Amsel, die jedes Jahr auf seinem Jalousiekasten versuchte ein Nest zu bauen, flog unbeirrt in geregelten Abständen auf den Balkon. Nichts war wie sonst und doch war alles gleich. Shelby stand im Türrahmen und schaute nun schon seit einiger Zeit auf Stan. Auch sie sah diese goldene Waage, die von Sekunde zu Sekunde immer weniger pendelte und doch konnte sie sich nicht erklären, was Stan in diesem Schauspiel so faszinierend fand, was ihn so apathisch wirken ließ und warum er alles um sich herum vergaß. Sonst um diese Zeit, lachten, schäkerten und flachsten sie gemeinsam. Jedem Morgen den sie zusammen aufstanden, gab es immer etwas zu lachen. Stan befand sich immer in einer glanzvollen Stimmung wenn er am Morgen aufstand. Sein Geist war frei von allen trübseligen Geistern und alles was ihm einfiel sprudelte so wie er es dachte aus ihm heraus. Meist waren das keine geistreichen Gedanken, sondern Dinge die Shelby zum Lachen brachten, ihr oft schon am Morgen der Bauch weh tat und sie sich, kaum die Augen offen, manche Träne aus dem Gesicht wischen musste. Shelby liebte Stan`s verrückte Art, auch wenn Stan zu bestimmten Zeitpunkten völlig ernst sein konnte. Wenn sie mit ihm über Gott und die Welt, perspektivische, weitgreifende, irreführende und erklärende Gespräche führte, stand die Welt still. Auch jetzt stand die Welt still. Shelby genoss Stan`s Anblick und dennoch drehte sich ein Karussell in ihr. Sie fragte sich, was in ihm vorging und in welcher Welt er sich wohl jetzt befand. Keinen Laut gab sie von sich, denn seinem Gefangensein wollte sie in dieser Phase keinen Abbruch tun. Sie stand nur weiter da und schaute ihn an. Minuten verstrichen und keiner sagte etwas. Jeder stand an seinem Fleck und verlor sich in seiner eigenen kleinen Welt. Stan der weder seine Gedanken noch seinen Körper lenken konnte, stieß auf einmal ein glasklares, herzliches und lautes Lachen aus. Seine Augen glänzten und die kleinen Falten unter seinen Augen, die Shelby so sehr liebte, traten hervor. Shelby fiel ein Stein vom Herzen und als sie, nicht bestimmt aber dennoch hellwach, auf den Bildschirm schaute, stand, zu ihrem Erstaunen, die Waage still. Beide Waagschalen hatten sich ausgeglichen. Kein Pendeln war mehr zu erkennen und das Bild, welches auf dem Fernseher zu sehen war, machte den Anschein als hätte jemand genau im richtigen Moment Pause gedrückt. Shelby schmunzelte. Warum sie dies tat wusste sie nicht. Vielleicht weil Stan lachte oder sie in ihrem Inneren verstand was Stan die ganze Zeit so gefesselt hatte. Das Wasser brodelte, die Musik lief und auch die Amsel tat weiterhin das, was sie Minuten zuvor schon getan hatte. Nur Stan und Shelby sahen sich, sie am Türrahmen lehnend und er in der Mitte Raumes befindend, tief in die Augen. Wieder einmal stand die Welt still. Sekunde um Sekunde verloren sich beide in den Tiefen ihrer Empfindungen. Ein Pendeln, Schwingen, Schaukeln, Kippeln. Die Ruhe, das Schweigen, der Frieden. Shelby streckte einen Arm aus und flüsterte: “Nimm mich..... Nimm mich...... Nimm mich an die Hand.”   Nimm Mich (2009) Copyright  2012 - Design & Idee @ www.Sousey.de - Alle Rechte vorbehalten -