Die kleine Melodie trat in die Küche. Ihre Mutter hatte gerade einen Blumentopf in der Hand und bewässerte diesen unter einem laufenden Wasserhahn. Dies tat ihre Mutter öfters, denn sie mochte es wenn die Blumen schön grün und in voller Pracht erstrahlten und wenn im Frühjahr oder im Sommer die Sonne durch die Fenster schien, verlieh dieses Grün dem Raum, welches von den Pflanzen über die Wände reflektierte wurde, ein wohliges, heimisches und warmes Gefühl. Die kleine Melodie mochte Pflanzen und in einer Geschichte, die ihr Opa einmal erzählt hatte, hieß es, dass dieses Grün der Pflanzen, welches für Leben, Vorankommen und Hoffnung stand, böse Geister vertrieb. Melodie`s Opa hatte immer eine Geschichte zu den unterschiedlichsten Situationen auf Lager. Ihr Opa schloss dann immer Augen und vergaß sich in der Zeit. Er verband erlebtes und Phantasievolles, er ließ seinen Gedanken freien Lauf und erzählte einfach drauf los. Sie überlegte oft, auch wenn manch einer denken mag, dass Melodie noch nicht dem Alter entspräche sich solche Gedanken zu machen, wie Opa in seinem Alter noch so viel Phantasie aufbringen konnte. Ihr Opa wirkte weder senil noch gebrechlich, denn für sein Alter war er noch recht gut in Schuss - wie man so schön sagt. Doch ab und an war es schon ein wenig suspekt, was ihr Opa von sich gab, doch meist dachte sie gar nichts und lauscht nur den Geschichten, weil diese so wundervoll, schön, verträumt, lebensfroh, märchenhaft und keines Wegs, trotz der phantastischen Erzählweise, abwegig waren. Die Geschichten, welche ihr Opa erzählte, waren oft verblümt und fernab jeder Realität, doch gerade so wie ihr Opa diese erzählte, gaben sie Melodie Kraft und Zufriedenheit. Mancher Tage hätte sie ihm den ganzen Tag zuhören können, denn er hatte eine wunderbar leicht treibende und ruhige Stimme und wenn er einmal anfing zu erzählen, passierte es selten, dass man sich dem entziehen konnte. All diese Erinnerungen traten zu Tage, als Melodie sah wie ihre Mutter die Blumen bewässerte. Ihre Augen wurden feucht und sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen hinfort. Ihr Opa hatte ihre Welt verlassen. Er hatte gekämpft wie ein Löwe in der Savanne und sie fand Trost darin, dass er am Ende seiner Kräfte mit einem zufriedenen Lächeln eingeschlafen war. Melodie fragte sich gelegentlich, wie ihr Opa immer so viel lachen konnte, doch fand bis heute keine plausible Antwort darauf. Kurz bevor er starb konnte er weder viel lachen, noch die von ihr so geliebten Geschichten erzählen und Melodie fühlte einen schlagartigen Stich in ihrem Herzen als sie daran dachte. Sie hätte sich jetzt liebend gern an seine Seite gelegt und einer seiner Geschichte gelauscht, wäre dieser Traurigkeit gern entschwunden, doch leider war dies nicht mehr möglich. In den letzten Monaten, Tagen und Stunden seines Daseins bekam er nicht mehr viel mit von dieser Welt, die er so sehr liebte, und einige von seinen Enkeln, Geschwistern und Verwandten sahen ihn als eine Last und nicht als einen der ihren und einen der immer alles gab was er hatte. Dieses Geben wurde in den Zeiten des Abschieds immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Alle nahmen nur und gaben, nach Melodie`s Auffassung, weder Liebe noch Dank zurück. Melodie trat in diesen Stunden nicht selten in den Hintergrund und betrachtete die Menschen, welche ihr so sehr vertraut waren, aus einem anderen Blickwinkel. Sie fühlte sich fremd in ihrer Familie und sie konnte nicht verstehen, wie dieser Menschen der wie ein Held gekämpft hatte, der immer wie ein Fels in der Brandung stand und stets seine helfende Hand ausstreckte, wenn man um eine solche bat, so ausgenutzt werden konnte. Sie fragte sich, war dies eine Art der Trauer oder gar der Akzeptanz? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen und so sehr sie auch überlegte, dass was das Gesehene in ihr aufwirbelte und aufkeimen ließ, war eher ein leichter Anflug von Hass und Missverständnis. Ihr Opa war ein Menschen den sie nie vergessen wollte und einer der Menschen der ihr unendlich viel Kraft gab. Kraft gab, durchzuhalten und ihr bei schwierigen Entscheidungen, durch seine Geschichten und seine Weisheiten, sich für das Richtige zu entscheiden, half. Ihr Opa war ein Mann des Herzens und der Freude. Er hatte immer eine Antwort, wenn sie mal nicht weiter wusste, wenn die Geister nach einem suchten, die Gedanken sich überschlugen und sie sich hilflos fühlte, dann sagte er immer: "Mein Herzchen, Melodie. Höre auf dein Inneres, auf das was in dir den Takt gibt, auf das was der Symphonie des Lebens die Melodie verleiht. Es gibt so wenige Momente im Leben, die dir eine hundert-prozentige Glückseligkeit schenken. Halte diese fest und du wirst sehen, dass alles was du gibst, diese Momente kein Verlangen in dir fordern, sondern alles von ganz alleine geschieht und diese Augenblicke dich und deine wunderbaren Augen erstrahlen lassen."  Melodie`s Erinnerungen (2010) Copyright  2012 - Design & Idee @ www.Sousey.de - Alle Rechte vorbehalten -